Du sitzt am Schreibtisch, machst die Post auf, und da liegt sie wieder: die BWA. Ein paar Seiten Papier oder ein PDF. Oben steht ein Monat. Darunter stehen Zahlen, Spalten, Prozente. Und irgendwo mittendrin ein Ergebnis, das entweder gut aussieht, schlecht aussieht oder gar nichts auslöst, weil du nicht weißt, was davon wirklich stimmt.

Viele Handwerksunternehmer machen an genau diesem Punkt einen Denkfehler: Sie behandeln die BWA wie ein Urteil. „Gut“ oder „schlecht“. Dabei ist die BWA kein Urteil. Sie ist ein Instrument. Und wie bei jedem Instrument gilt: Wenn es falsch eingestellt ist, misst es falsch. Wenn du es nicht lesen kannst, steuert es nicht. Und wenn du es weglegst, fährst du weiter auf Sicht.

Der entscheidende Punkt ist: Im Handwerk ist eine Standard-BWA ohne saubere Abgrenzung und ohne Verständnis für die typischen Verzerrungen oft nicht steuerungsfähig. Sie kann dir ein gutes Gefühl geben, während du Liquidität verbrennst. Oder sie kann dir Angst machen, obwohl dein Betrieb eigentlich solide arbeitet – nur eben mit Abschlägen, halbfertigen Arbeiten und unregelmäßigen Zahlungseingängen.

Dieser Artikel zeigt dir, wie du eine BWA im Handwerk sinnvoll liest, welche Fehlerquellen du kennen musst und warum die Lösung am Ende nicht „mehr Zahlenwissen“ ist, sondern eine qualifizierte BWA plus eine monatliche Finanzroutine, in der du Konsequenzen ziehst – für Planung, Kalkulation, Bank- und Lieferantengespräche.

Was eine BWA ist – und was sie im Handwerk nicht automatisch ist

Eine BWA (betriebswirtschaftliche Auswertungen) ist im Kern eine Auswertung der Finanzbuchhaltung. Sie zeigt dir, welche Erlöse gebucht wurden und welche Kosten im gleichen Zeitraum erfasst sind – daraus entsteht ein Ergebnis. Viele Ratgeber erklären das so, als wäre damit alles klar. In der Theorie stimmt das. In der Praxis im Handwerk beginnt hier erst das Problem.

Die BWA ist aktuell – aber nur so gut wie die Buchungslogik

BWAs werden typischerweise monatlich erstellt und genau das ist ihr Wert: Sie soll dir unterjährig Steuerung ermöglichen, nicht erst nach dem Jahresabschluss.

Aber „aktuell“ heißt nicht „wahr“. Aktuell heißt: Sie verarbeitet den Stand deiner Buchungen. Und im Handwerk ist dieser Stand oft geprägt von:

  • Abschlagsrechnungen und Teilzahlungen
  • halbfertigen/unfertigen Leistungen
  • Material, das schon bezahlt ist, aber noch nicht „verdient“
  • Rechnungen, die geschrieben sind, aber nicht bezahlt
  • Kosten, die unregelmäßig oder gesammelt kommen (Versicherungen, Wartungen, BG, Kammer, Kfz)
  • Löhne, die sauber monatlich laufen, während Erlöse ungleichmäßig reinkommen

Wenn du das nicht einordnest, ziehst du aus der BWA falsche Schlüsse. Und genau hier wird entschieden: Du brauchst nicht mehr BWA-Papier. Du brauchst eine BWA, die dein Handwerk abbildet.

Wie du eine BWA liest, ohne dich von ihr führen zu lassen

Die meisten lesen eine BWA falsch, weil sie an der falschen Stelle anfangen. Sie suchen zuerst den Gewinn. Oder sie suchen Bestätigung. Oder sie suchen Panik. Das ist menschlich, aber es ist keine Führung.

Schritt 1: Prüfe zuerst, ob die BWA überhaupt steuerungsfähig ist

Bevor du irgendwas interpretierst, stellst du drei Kontrollfragen:

  • Ist die Buchhaltung vollständig für den Monat?
    Fehlen Belege, fehlen Eingangsrechnungen, fehlen Lohnbuchungen, fehlen Kasse/Bank? Eine „unfertige“ Buchhaltung produziert eine „unfertige“ Wahrheit.
  • Sind typische Handwerksverzerrungen berücksichtigt?
    Unfertige Arbeiten? Abschläge? Periodisierung? Abgrenzungen? Wenn nein, ist das Ergebnis häufig eher Stimmung als Steuerung.
  • Sind die Konten sauber?
    Privat raus, Einmaliges getrennt, Fremdleistungen richtig, Material nicht quer gebucht. Sonst vergleichst du Äpfel mit Werkzeugkisten.

Schritt 2: Lies die BWA in der richtigen Reihenfolge

Eine einfache Reihenfolge, die im Handwerk funktioniert:

  • Umsatz / Gesamtleistung:
    Was wurde in dem Zeitraum wirklich als Leistung erfasst?
  • Rohertrag / Deckungsbeitrag-Logik: 
    Was bleibt nach Material/Fremdleistungen übrig?
  • Personalkosten:
    Wie viel Strukturkosten trägst du monatlich – egal ob Erlöse schwanken?
  • sonstige betriebliche Kosten: 
    Miete, Fahrzeuge, Energie, Versicherungen, Verwaltung.
  • Ergebnis: 
    Erst jetzt. Und dann mit Fragezeichen, nicht mit Urteil.

Der entscheidende Punkt ist: Im Handwerk ist das Ergebnis der BWA ohne Leistungsabgrenzung oft nur ein Nebelbild. Das ist dann so, als ob du mit deinem Auto eine Passstraße befährst, aber keine 5m nach vorne schauen kannst. Blöd, wenn rechts eine Böschung ist und keine Leitplanken aufgestellt wurde.....

Du musst verstehen, welche Teile echtes „Verdienen“ sind und welche nur „Geldbewegung“.

Die typischen BWA-Fehler im Handwerk – und warum sie dich teuer führen

Vermutlich wirst du dich jetzt fragen, woran du erkennen kannst, ob deine BWA richtig ist, oder eben eher eine Nebelkerze. Es gibt viele Fehlerquellen, aber die Wichtigsten habe ich dir hier  zusammengetragen.

1) Fehlende Abgrenzung:
Wenn Monate miteinander vermischt werden

Abgrenzung heißt: Kosten und Erlöse gehören in den Zeitraum, in dem sie wirtschaftlich hingehören – nicht nur in den Zeitraum, in dem das Geld fließt oder die Rechnung kommt.

Typischer Handwerksfehler:

  • Große Versicherungsrechnung einmal im Jahr → knallt in einem Monat rein.
  • Wartung, BG, Kammer, Kfz-Steuer → kommen ungleichmäßig.
  • Bonuszahlungen oder Nachzahlungen → verschieben Ergebnisse.

Konsequenz:
Du denkst: „Dieser Monat war schlecht.“ Dabei war der Monat normal, nur die Kosten sind falsch verteilt. Oder du denkst: „Dieser Monat war stark“, weil Kosten erst später kommen. Du steuerst dann mit falscher Sicherheit.

Das ist der Maßstab: Wenn du Monatszahlen vergleichen willst, brauchst du Periodisierung/Abgrenzung, sonst vergleichst du Wetter mit Jahreszeiten.

2) Unfertige Arbeiten / halbfertige Leistungen:
Du hast gearbeitet, aber die BWA sieht es nicht

Im Bau- und Ausbaugewerbe ist das einer der größten Verzerrer: Du hast Leistung erbracht, Material verbaut, Stunden gemacht – aber der Umsatz ist noch nicht als Rechnung drin oder er ist nur teilweise drin. Gleichzeitig sind Löhne und Materialkosten längst gebucht.

Es gibt dafür fachliche Logiken im Rechnungswesen (Bewertung unfertiger Leistungen und korrespondierende Abschlagszahlungen), die gerade in Bau/Handwerk relevant sind.

Konsequenz:
Die BWA zeigt „Minus“, du wirst hektisch, stoppst Dinge, obwohl du in Wirklichkeit nur „vorfinanzierst“. Oder du ignorierst die BWA komplett, weil sie „eh nicht stimmt“. Beides ist Führungsausfall.

3) Abschlagszahlungen:
Geld auf dem Konto ist nicht automatisch Gewinn

Abschläge sind im Handwerk normal und sinnvoll. Sie stabilisieren Liquidität. Aber buchhalterisch müssen sie sauber behandelt werden – sonst verzerren sie Ergebnis und Leistung.

Typischer Fehler:
Abschläge werden wie Umsatz behandelt, ohne die korrespondierende Leistung sauber zuzuordnen. Oder umgekehrt: Leistung ist da, Abschlag ist da, aber die Buchung erzeugt ein Bild, das nicht zur Baustellenrealität passt.

Konsequenz:
Du glaubst an ein Ergebnis, das auf Zahlungslogik basiert, nicht auf Leistungslogik. Das führt zu falscher Entnahme, falscher Investition, falschem „läuft doch“. Und genau hier wird entschieden: Wer Abschläge hat, braucht eine BWA, die Leistung periodengerecht abbildet – sonst ist sie ein Risiko.

4) Unregelmäßige Zahlungen:
BWA ist Ergebnisrechnung, Konto ist Liquidität – beides wird verwechselt

Viele Handwerksunternehmer wechseln ständig zwischen „BWA“ und „Kontostand“. Der Kontostand fühlt sich wahr an. Die BWA wirkt abstrakt. Also entscheidet man nach Konto.

Das Problem: Das Konto zeigt Timing. Die BWA soll Wirtschaftlichkeit zeigen. Wenn du beides verwechselst, nimmst du entweder zu viel Druck raus oder du machst dich verrückt, obwohl du wirtschaftlich okay bist. Und beides kostet: Zeit, Geld, Nerven, Kontrolle.

5) Nicht periodisiert:
Material, Nachkalkulation, Fremdleistungen laufen quer

Im Handwerk sind Material und Fremdleistungen oft die größten Hebel – und gleichzeitig die größten Blindstellen.

  • Material wird eingekauft, aber die Zuordnung zur Baustelle ist unklar.
  • Fremdleistung wird gebucht, aber der zugehörige Erlös kommt später.
  • Nachträge werden nicht sauber abgerechnet → Leistung fehlt, Kosten sind drin.

Konsequenz:
Du siehst in der BWA einen Rohertrag, der nicht zu deiner gefühlten Leistung passt. Du reagierst dann mit „mehr Umsatz“, statt mit sauberer Kalkulation und Abrechnung. Und das ist der Klassiker: Mehr Umsatz löst keine Probleme, die fehlende Klarheit erzeugt hat.

Was du aus der BWA wirklich ziehen willst: Führung, nicht Buchhaltung

Eine BWA ist dann wertvoll, wenn sie dir hilft, Entscheidungen zu treffen. Nicht irgendwann. Jetzt. Und zwar mit einem klaren Rahmen:

1) Planung: Ohne qualifizierte BWA ist Planung ein Ratespiel

Planung heißt nicht „Excel“. Planung heißt auch mehr als Ergebnis & Kontostand planen. Aber lass uns aktuell mal den Finanzfokus halten.: Du kennst deine Strukturkosten, deine Marge, deine Engpässe und deine nächsten Verpflichtungen.

Wenn die BWA durch Unfertiges, Abschläge und fehlende Abgrenzung verzerrt ist, planst du entweder zu optimistisch oder zu defensiv. Beides ist teuer.

Deshalb gilt: Planung braucht eine BWA, die die Realität abbildet – nicht nur Buchungen.

2) Preiskalkulation: Deine BWA ist dein Spiegel, ob deine Preise tragen

Viele reden über Kalkulation, aber die BWA zeigt dir, ob deine Kalkulation in der Praxis funktioniert. Nicht auf dem Zettel. Im echten Betrieb:

  • Ist der Rohertrag stabil genug?
  • Fressen Fremdleistungen die Marge?
  • Trägt dein Preis deine Strukturkosten?
  • Ist dein Ergebnis „zufällig“ oder systematisch?

Wenn du das monatlich siehst, hörst du auf zu hoffen. Du fängst an zu steuern.

3) Bank- und Lieferantengespräche: Du brauchst Zahlen, die du erklären kannst

Viele Banken fordern aktuelle BWAs, und auch Geschäftspartner/Zulieferer nutzen sie zur Einschätzung.  Das ist kein Selbstzweck. Das ist Realität. Und die entscheidende Frage ist nicht, ob du eine BWA hast. Sondern ob du sie führen kannst.

Wenn du in einem Gespräch sitzt und bei Rückfragen nur sagst „macht mein Steuerberater“, wirkst du nicht entlastet. Du wirkst unklar. Und Unklarheit ist Risiko – für Bank, Lieferant und am Ende auch für dein Team.


Die Lösung: Qualitäts BWA + monatliche Finanzsession

Jetzt der Teil, den viele übersehen: Man versucht, die BWA „besser zu verstehen“, aber lässt die BWA selbst im selben Zustand. Dann kämpfst du jeden Monat wieder mit denselben Verzerrungen.

Die Konsequenz daraus ist klar: Du brauchst eine Qualitäts BWA – also eine BWA, die für das Handwerk so aufbereitet ist, dass sie steuerungsfähig wird.

Was „Qualität“ hier konkret heißt

Eine Qualitäts-BWA ist keine Schönrechnung. Für unsere Kunden haben wir hierzu eine ganz konkrete und ausführliche Checkliste. Hier für dich, aber gerne die wichtigsten Punkte. Sie ist eine BWA, die typische Handwerksrealitäten korrekt abbildet, zum Beispiel:

  • periodengerechte Abgrenzung wichtiger Kosten
  • saubere Behandlung von Abschlägen (Leistung vs. Zahlung)
  • sinnvolle Abbildung unfertiger Arbeiten/Leistungen (wo relevant)

Du musst dafür nicht zum Buchhalter werden. Du bist Unternehmer. Aber du musst die Führung übernehmen, dass dein Betrieb Zahlen bekommt, die zu Entscheidungen taugen.

Warum die monatliche Finanzsession der eigentliche Hebel ist

Selbst die beste BWA bringt dir nichts, wenn du sie nur abheftest. Der Hebel ist die Routine: jeden Monat ein fester Termin, in dem du die Zahlen sondern auswertest.

Eine sinnvolle Monatsroutine (ohne Controlling-Theater) besteht aus drei Teilen:

  • Realität klären: Was ist in diesem Monat wirklich passiert (Leistung, Baustellenstand, Abschläge, offene Posten)?
  • Konsequenzen ableiten: Was bedeutet das für Liquidität, Marge, Strukturkosten, Entscheidungen in den nächsten 4–8 Wochen?
  • Führung setzen: Welche 2–3 Entscheidungen triffst du jetzt? (Preis, Auftrag annehmen/ablehnen, Nachträge nachziehen, Zahlungsziele, Entnahmen, Investitionen)

Das passt zur Grundlogik eurer Fundament-Artikel: nicht hektisch, nicht verkäuferisch, sondern einordnend und führend.

Ein kurzer Realitätscheck:
Woran du merkst, dass deine BWA dich gerade falsch führt

Wenn du dich in einem oder mehreren Punkten wiedererkennst, ist das kein „Du kannst das nicht“. Es ist ein Hinweis auf fehlende Steuerungsfähigkeit:

  • Du schaust auf die BWA und denkst: „Passt nicht zu meinem Gefühl.“
  • Du hast Monate mit starkem Umsatz, aber das Konto wird knapper.
  • Du hast Monate mit schlechtem Ergebnis, aber die Baustellen laufen sauber.
  • Du vermeidest Bank-/Lieferantengespräche oder gehst rein mit Bauchweh.
  • Du triffst Investitions- oder Einstellungsentscheidungen eher nach Kontostand als nach Plan.
  • Du spürst dieses Hintergrundrauschen: „Hoffentlich übersehe ich nichts.“

Das ist unbequem. Und genau deshalb ist es wichtig.

BWA verstehen im Handwerk heißt, wieder Chef zu sein

BWA verstehen im Handwerk heißt nicht, jede Zeile erklären zu können. Es heißt: Du kannst sagen, ob die Zahl steuerungsfähig ist. Du erkennst typische Verzerrungen. Du weißt, welche Fragen du stellen musst. Und du nutzt die BWA nicht als Papier, sondern als Führungsinstrument.

Der entscheidende Punkt ist: Eine Standard-BWA kann im Handwerk schnell ein falsches Bild liefern. Unfertige Arbeiten, Abschläge, unregelmäßige Zahlungen und fehlende Abgrenzung sind keine Randthemen. Sie sind der Unterschied zwischen Steuern und Hoffen.

Wenn du das sauber aufsetzt – qualifizierte BWA plus monatliche Finanzsession – bekommst du genau das, was du als Unternehmer brauchst: Klarheit, Steuerung, Stabilität. Und damit wird Planung möglich, Kalkulation belastbar und jedes Gespräch mit Bank oder Lieferant deutlich ruhiger.

Wenn du dafür einen ersten klaren Einstieg willst, ist der Stabi-Check der nächste sinnvolle Schritt: einmal strukturiert draufschauen, ob deine Zahlen aktuell überhaupt als Führungsinstrument taugen – oder ob du gerade auf einem verzerrten Dashboard fährst.

Dein sinnvoller nächster Schritt

Wenn du spürst, dass deine BWA zwar da ist, dir im Alltag aber noch keine echte Führung gibt, dann ist das kein Scheitern. Es ist ein Hinweis darauf, dass Struktur fehlt – nicht Einsatz.

Der Stabi-Check ist genau dafür gedacht: ruhig, klar und ohne Druck zu schauen, wo dein Betrieb steht und was jetzt wirklich entscheidbar ist.